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Existenzgründer weltweit: Warum 90 Prozent aller StartUps scheitern 0

T3n schreibt am 28. Januar 2017, dass es es weltweit rund 400 Millionen Gründer gibt – die höchste Gründerquote hat übrigens Uganda. Die Gründer arbeiten im Schnitt 66 Stunden in der Woche – und 90 Prozent aller StartUps scheitern. Nur ein Prozent von ihnen wird durch Investoren finanziert. 42 Prozent erhalten Bankkredite und 24 Prozent Darlehen aus dem Familien- oder Freundeskreis. Was mich besonders interessiert an dieser Statistik: Warum scheitern so viele StartUps? War das schon immer so? Ist das eine Art „Grundgesetz“ über die ganze Welt verteilt? Gilt das für alle Gründer und Entrepreneure?

business-891339_640Natürlich ist in den verschiedenen Kulturen der Welt vieles unterschiedlich, so dass ich aus meinen Erfahrungen heraus höchstens subjektive Einschätzungen in Bezug auf die deutsche Gründerszene abgeben mag.

Ich weiß nicht, ob auch in Uganda die Scheiterquote so extrem hoch ist, wie in der Statistik beschrieben. Ich weiß nicht einmal, wie in dieser Infografik die Zahlen zustande kommen und was unter „Entrepreneurship“ verstanden wird. Fällt unter diesen Begriff jede neu eröffnete Garküche in Kampala, der Hauptstadt Ugandas? Fällt darunter auch jede nebenberufliche Gründung eines freiberuflichen Tätigkeit als Coach oder Crowdworker? Oder geht es tatsächlich nur um innovative Gründungen mit der Aussicht auf hohe Skalierbarkeit?

Existenzgründer in Zeiten der Einführung von Hartz IV

Seit 2004 bin ich im Bereich der „Existenzgründer“ aktiv. Zunächst gründete ich eine eingetragene Genossenschaft für Gründer in Witten – gemeinsam mit Mitstreitern. Damals kamen rund 4 – 6 arbeitslose Gründungswillige in unsere Dienstagssprechstunde – die Arbeitsämter aus dem ganzen Ruhrgebiet schickten sie zu uns, weil sie uns vertrauten. Ich lernte unzählige Schicksale kennen – viele der Ratsuchenden waren 45+, Akademiker, Manager oder Ingenieure. Sie waren völlig überrumpelt von ihrem plötzlichen sozialen Absturz. Viele mussten noch Häuser abbezahlen und hatten Kinder, die Ansprüche stellten an die Eltern. Und alle hatten Angst vor Hartz IV – zu Recht.

Selbstständig machte man sich damals nicht aus Lust und Selbstverwirklichung, sondern aus Verzweiflung. Die Unterstützung durch die öffentliche Hand war sehr gut. Mindestens sechs Monate lang bekamen die Gründer aus der Arbeitslosigkeit eine Förderung, die den monatlichen Bedarf deckte. Zusätzlich wurden sie unterstützt durch Workshops und Coachings, so dass sie mit einer guten Geschäftsausstattung und einer Schulung in Buchhaltung und anderen Selbstständigen-Skills starten konnten.

Nur sehr wenige der rund 500 Gründer und Gründerinnen, die ich mit begleitet habe, scheiterten. Wirklich sehr wenige. Das lag vor Allem daran, dass sie nicht scheitern konnten. Sie wären in Hartz IV abgefallen, und das wollten diese mutigen, entschlossenen, tüchtigen Gründer auf keinen Fall. Sie bauten keine großen, innovativen Unternehmen auf – sie fanden ihren Weg im Dickicht der „Freien Welt“, als Dozent, als Webentwickler, als Freelancer, als Buchhaltungsbüro.

Viele gingen irgendwann wieder in eine Anstellung – und oft genug waren sie darüber sehr erleichtert, da es plötzlich wieder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gab und Urlaubsgeld. Selbstständig sein ist hart, keine Frage. Doch alle, die ich kennen gelernt habe, haben durch die Erfahrung als Selbstständiger an Selbstbewusstsein und Glückserfahrung gewonnen. Es ist eben schön, authentisch leben und arbeiten zu können.

Existenzgründer in Zeiten der „Digitalen Revolution“

Heute erlebe ich eine ganz andere Gründerszene. Die Gründung aus der Arbeitslosigkeit wird kaum noch unterstützt vom Staat. Durch die gute Arbeitsmarktlage machen sich nur noch wenige selbstständig, weil sie keine andere Perspektive sehen. Anders sieht es aus bei unseren türkischen Mitbürgern. Abgesehen davon, dass in der türkischen Mentalität das Gen der Selbstständigkeit anders verankert ist als bei den Deutschen, wählen viele den Weg in ein Business, weil sie gegenüber ihren deutschen Mitbewerbern auf dem Arbeitsmarkt klar benachteiligt sind. Bei dem Geschäftsaufbau steht weniger die Selbstverwirklichung mit einer innovativen Geschäftsidee im Vordergrund – sondern der Aufbau eines existenztragenden Geschäfts mit wachsendem Einkommen – ein Business in einem bewährten Markt mit Mitarbeitern, das die Familie ernährt und die Zukunft sichert.

Bei den Studenten hingegen erlebe ich einen zunehmenden Hunger nach Gründung und beruflicher Selbstverwirklichung. Viele dieser neuen Gründer sind ideell motiviert und wollen mit ihren Ideen, ihren Freunden und ihrer kreativen Intelligenz die Welt verbessern. Es treibt diese Sorte Gründer weniger die Suche nach dem familienernährenden Geld an – als die Suche nach Sinn und Werten. Schön ist, dass sie durch ihr Studentenleben daran gewöhnt sind, mit wenig Geld auszukommen und dass sie sehr bescheiden sind in Bezug auf das eigene Einkommen. Wer von BAföG leben konnte viele Jahre, für den sind 1.000 Euro netto im Monat schon ein luxuriöses Einkommen.

In den Universitäten wird dieser Gründungs-Funke genährt. Ich habe den Eindruck, dass es heute schon zu vielen Studiengängen dazugehört, eine Geschäftsidee zu entwickeln und in einen Businessplan umzuwandeln. Vor Allem in den MINT-Fächern und allen Studienfächern rund um Wirtschaft wird Business-Kompetenz gelehrt. Gerade in Deutschland gibt es immer mehr Co-Working-Spaces wie das WorkInn in Dortmund – hier können die engagierten, intrinsich motivierten jungen Leute mit erfahrenen Selbstständigen und Freiberuflern gemeinsam Projekte entwickeln und sich gegenseitig unterstützen und Mut machen.

90 Prozent Scheiter-Quote?

Natürlich scheitern von diesen jungen, hoch motivierten Gründern zunächst einmal 90 Prozent mit ihren Ideen. Es ist schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Doch erstaunlich viele bleiben dabei und machen weiter – trotz aller Widerstände und aller Barrieren. Waren es 2004 die älteren Enttäuschten, die sich selbstständig machten, scheinen es heute oft die Jungen zu sein, die noch keinen sozialen Status erworben haben. Die Einen hatten damals alles zu verlieren und waren in Panik – die Neuen haben noch nichts zu verlieren und erleben Gründung als Abenteuer – wie eine Weltreise.

Ich hoffe, dieser Trend bleibt bestehen und ich hoffe, viel digitale Kompetenz mischt sich in die Begeisterung der Jungen. Wenn Europa lernt, eigene digitale Infrastrukturen aufzubauen und sich unabhängig zu machen von den USA und vom Silicon Valley, wird das gewiss unser Schade nicht sein. Und Steuern würden diese aufstrebenden innovativen StartUps zahlen – das wäre schön und wird dringend gebraucht in unserer digital vernetzten Lebenswelt.

 

 

Über Eva Ihnenfeldt

Eva Ihnenfeldt leitet gemeinsam mit Dennis Arntjen das Unternehmensnetzwerk Kmu-digital.net - das Netzwerk von Unternehmen im digitalen Wandel. Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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